Perspektiven aufzeigen

In Brasilien, dem größten und bevölkerungsreichsten Land Südamerikas, finanziert „Kinder in Not“ insgesamt drei Einrichtungen für notleidende Kinder, Jugendliche und deren Familien.

Neben der Überprüfung unserer Hilfsmaßnahmen durch monatliche Kassenabrechnungen und Berichte halten wir es für unerlässlich, uns in angemessenen Abständen vor Ort von der nachhaltigen Wirkung unserer Arbeit zu überzeugen. Um einen persönlichen Eindruck von der Situation in den Hilfsprojekten zu erhalten, aber dabei „Kinder in Not“ nicht finanziell zu belasten, reisen die Mitarbeiter der Aktionsgruppe auf eigene Kosten.

So besuchten wir auf unserer diesjährigen Brasilienreise die Tagesstätte für Kinder aus HIV-positive Familien in São Paulo, die Betreuungseinrichtung für Mädchen und Jungen aus den Elendsvierten von Porto Alegre und die Creche Bom Samaration in Rio de Janeiro.

Der Olympia-Schein trügt

Da die Olympischen Spiele vor der Tür standen, hatte sich Rio de Janeiro für dieses große Ereignis herausgeputzt. Es war unübersehbar, dass viel saniert, renoviert und neu gebaut worden war. Ein Paradebeispiel ist die neue Hafenmeile Porto Maravilha. Die lange vernachlässigte Gegend hat sich zu einem Schmuckstück der Stadt entwickelt. Zu Rio gehören aber auch noch die „Moros“, die Hügel der Metropole. Dort befinden sich die Armenviertel der Stadt, die „Favelas“. Der Alltag in dieser Region ist nach wie vor geprägt von Perspektivlosigkeit, Gewalt, Drogen und Missbrauch.

Die Leidtragenden sind vor allem die Kinder. In zerrissener, schmutziger Kleidung streunen sie ziellos umher, betteln auf der Straße oder sammeln Müll. So kommen die Mädchen und Jungen früh mit dem Gesetz in Konflikt, konsumieren Alkohol und Drogen oder prostituieren sich. Sie haben keine Perspektiven und in ihren Augen steht die Hoffnungslosigkeit geschrieben. In unseren Tagesstätten finden diese Kinder in vielen Fällen zum ersten Mal in ihrem Leben ein geschütztes Umfeld. Sie können zur Ruhe kommen, erhalten ausreichende Mahlzeiten und werden medizinisch versorgt. Zudem wird darauf geachtet, dass sie regelmäßig zur Schule gehen. In den Tagesstätten gibt es neben gezielter Nachhilfe auch weiterführende Bildungsangebote. Kulturelle, sportliche und künstlerische Aktivitäten helfen den Mädchen und Jungen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und selbst für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen.

Ein gravierendes Problem unserer Schützlinge ist die stetig zunehmende Gewalt in den Armutsgebieten. Vor kurzem gab es in der Favela ein schweres Gefecht, als sich die zwei- bis sechsjährigen Kinder unserer Kindertagesstätte Bom Samaritano gerade auf dem Heimweg befanden. Die Mädchen und Jungen hatten die Einrichtung um 17 Uhr verlassen und kamen aufgrund des Gefechts zum Teil erst 4 Stunden später zu Hause an. Der zweijährige Viktor Hugo fragte am folgenden Tag, ob er nicht für immer in unserer Tagesstätte wohnen dürfe. „Bei uns zu Hause wird immer geschossen“, gab er als Grund an. Aber auch die Tagesstätte selbst bleibt nicht verschont. Ein paar Wochen zuvor erlebten Erzieherinnen und Schützlinge einen besonders grauenvollen Tag. Es gab eine heftige Schießerei in dem Armutsviertel, die sich bis zur gegenüberliegenden Straßenseite der Tagesstätte ausweitete. Die Kinder und auch die Mitarbeiter gerieten in Panik und durchlebten traumatische Stunden. Die Situation vor Ort wird zusätzlich verschlimmert durch die enormen Preisanstiege. Neben der starken Erhöhung der Mieten haben sich die Lebensmittelpreise in den letzten Monaten teilweise mehr als vervierfacht. Bohnen – das Grundnahrungsmittel Nummer 1 – kosten jetzt zum Beispiel umgerechnet 4,60 € / kg statt wie bis dato 0,95 € / kg. Dies stellt auch ein großes Problem für unsere Einrichtungen dar, die den kräftigen Preisanstieg für die täglichen Mahlzeiten der Kinder tragen müssen.

Eine Erfolgsgeschichte, die motiviert

Über ein schönes Erlebnis haben wir uns in unserer Tagesstätte Casa Criança Querida gefreut. Bei unserem Besuch durften wir Laura als neues Teammitglied begrüßen. Sie kam mit elf Jahren in die Casa Criança Querida. Ihr Vater war arbeitslos und die Mutter versuchte, die Familie mit Putzstellen mühsam über Wasser zu halten. Zu Hause ermutigte niemand das Mädchen, regelmäßig in die Schule zu gehen oder versorgte sie mit täglichen, warmen Mahlzeiten. Dank des unermüdlichen Einsatzes unserer beiden Tagesstättenleiterinnen ist es gelungen, ihrem Leben eine gute Wendung zu geben. Laura studiert heute im ersten Semester Pädagogik. Ihr Ziel ist es, Erzieherin zu werden und etwas von der Hilfe, die sie selbst erfahren hat, zurückzugeben. In ihrer vorlesungsfreien Zeit arbeitet sie nun als Zweitkraft in unserer Schülergruppe. Nur so kann sie ihr Studium finanzieren und wird dabei sogar in der Casa Crinaça Querida erfolgreich in die Praxis der Pädagogik eingewiesen. Wird sie vielleicht eine Tages unsere Kindertagesstätte leiten? Was wäre aus ihr ohne die vielfältige Unterstützung unseres Teams vor Ort geworden? Wie immer sich die junge Frau nun auch weiterentwickelt – sie ist eines von vielen Beispielen der gelungenen Hilfe zur Selbsthilfe.

Für uns bilden solche Erfolge unsere tägliche Motivation, den Kampf für diese scheinbar chancenlosen Mädchen und Jungen fortzuführen und wir hoffen, dass wir noch viele Menschen für diese wichtige Arbeit interessieren können.


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