Hilfe zur Selbsthilfe

Seit über 30 Jahren unterstützt die Aktionsgruppe „Kinder in Not“ bedürftige Familien auf den Philippinen. Investiert wird dabei vor allem in Gesundheit, Bildung und eine Verbesserung der Lebensumstände.

Im Januar 2015 besuchte ich die Hilfsprojekte der Aktionsgruppe „Kinder in Not“ auf den Philippinen. Inzwischen finanzieren wir in Zusammenarbeit mit fünf unterschiedlichen Trägern vor Ort rund 20 Hilfsprojekte in der Hauptstadt Cebu City und in Alegria, im Süden der Insel. Hilfe zur Selbsthilfe ist dabei das oberste Gebot. Wir verteilen keine Almosen, vielmehr sind Gesundheit, Bildung und eine Verbesserung der Lebensumstände unser wichtigstes Anliegen.

Die Hilfe von „Kinder in Not“ soll es den Kindern ermöglichen, dem Armutskreislauf zu entrinnen.

Die Hilfe von „Kinder in Not“ soll es den Kindern ermöglichen, dem Armutskreislauf zu entrinnen.

Umso glücklicher war ich, zu sehen, wie positiv die Projekte sich über die Jahre entwickelt haben und wie sie Menschen unterstützen, sich selbst zu helfen. Zum Beispiel in Alegria. Dort leben überwiegend Fischer und Bauern, es gibt keine Industrie. Vor 30 Jahren war hier die Armut so groß, dass ich mich fragte, ob eine Hilfe überhaupt möglich sei. Die Bauern besaßen nur ein kleines Stück Land und auch das Einkommen der Fischer reichte nicht aus, ihre Familien zu ernähren.

Eine Perspektive bietet die neu eröffnete Senior High School in Alegria

Eine Perspektive bietet die neu eröffnete Senior High School in Alegria

Als „Kinder in Not“ mit der Unterstützung begann, war die kurz zuvor teils abgebrannte St. Peter Academy die einzige High School in der Umgebung. 270 Schüler wussten damals nicht, wie es weiter gehen soll. Heute besuchen über 800 Mädchen und Jun gen die Junior High School der Academy. Wenn ihre Abschlussnoten es erlauben, erhalten sie weitere finanzielle Hilfe für eine Berufsausbildung in einer technischen Schule oder einem College. Derzeit absolvieren rund 420 ehemalige Schüler der St. Peter Academy eine Berufsausbildung. Während meines Besuches durfte ich auch die Eröffnung der neuen Senior High School, die von Spendern der Aktionsgruppe finanziert wurde, begleiten. Insgesamt rief die Aktionsgruppe im Umfeld von Alegria sechs Vorschulen ins Leben. Davon konnten zwischenzeitlich drei Schulen zur Weiterführung der Gemeinde übergeben werden. Auch der Gesundheitszustand, vor allem der Kinder, hat sich in den letzten Jahren stetig verbessert. Dazu trägt die RWM-Klinik, ein von „Kinder in Not“ unterstütztes Krankenhaus, erheblich bei.

Unser landwirtschaftliches Projekt in Alegria zeigt ebenfalls eine gute Entwicklung. Mehrere Dörfer in den Bergregionen haben sich zu einer landwirtschaftlichen Genossenschaft zusammengeschlossen. Geschulte Berater zeigen den Bauern, wie die Felder am wirksamsten bestellt werden und der Boden durch Bio-Dünger verbessert werden kann. Gemeinsam werden neue Setzlinge produziert und Pflanzen gezogen. Zwischenzeitlich verkaufen die Bauern die Überschüsse ihrer Produkte auf den umliegenden Märkten. Eine sehr große Anzahl von Töchtern und Söhnen der Fischer- und Bauernfamilien der Großgemeinde Alegria haben mittlerweile ihren Wunschberuf erlernt und in den Industriezentren der Städte einen Arbeitsplatz gefunden. Sie sind in der Lage, für ihre eigenen Familien zu sorgen und unterstützen, soweit möglich, auch ihre Eltern, die keine Altersversorgung besitzen. Leider gibt es in den Bergregionen noch viele arme Großfamilien, die Hilfe benötigen. Ohne Unterstützung können sie ihren Kindern die dringend erforderliche Schul- bzw. Berufsausbildung nicht ermöglichen. Auch sie warten auf Hilfe.

Die Friedhofsmenschen von Cebu City

Der erschütterndste Tag für mich war während meiner Reise jedoch der Besuch auf den Friedhöfen in Cebu City. Neben Gräbern oder in Mausoleen wohnen dort Familien, die davon leben, Kerzenwachs von den Gräbern zu kratzen und daraus neue Kerzen herzustellen, Blumen an Friedhofsbesucher zu verkaufen oder Gräber zu pflegen (siehe hierzu auch FORUM 46). Die Einnahmen daraus reichen kaum für die täglichen Mahlzeiten. Im vergangenen Jahr waren dann bei einem Großfeuer auf einem der Friedhöfe auch noch die Behelfshütten der Familien zerstört worden. Pater Max Abalos von der Organisation „Ance Inc.“, der die rund 4.500 Friedhofsmenschen von Cebu City seit Jahren unterstützt, hatte uns daraufhin geschrieben: „Die Familien schlafen unter Pappen und Plastikfolien auf der verbrannten Erde. Bitte helft uns.“

Gemeinsam mit Projektleiterin Rosemarie L. Dizon Roy besuchte Gisela Wirtgen auch den Friedhof Lorega.

Gemeinsam mit Projektleiterin Rosemarie L. Dizon Roy besuchte Gisela Wirtgen auch den Friedhof Lorega.

Nach zähen Verhandlungen bot die Stadtverwaltung jeder Familie 12 Quadratmeter Friedhofsland unter der Voraussetzung an, darauf zweistöckige Holz- oder Steinhäuser zu errichten. Die Kosten: 4.000 Euro pro Haus. Die Aktionsgruppe „Kinder in Not“ schaffte es in wenigen Monaten, die finanziellen Mittel für 53 Wohnungen zu beschaffen. Und nun stand ich auf dem Friedhof Lorega und konnte nicht glauben, was ich dort sah. Verschmutzte Kinder –nicht selten ohne Schuhe, oft in viel zu großen Kleidern – spielten zwischen und auf den Gräbern. Mütter versuchten, ihre Kleidung in Eimern mit verdrecktem Abwasser zu waschen. Andere Frauen kochten auf kleinen Feuerstellen Reissuppen. Ich sah spindeldürre Kinder mit ausdruckslosen Augen vor sich hin starren. Dann jedoch zeigte mir Rosemarie L. Dizon Roy, ANCE Projektleiterin vor Ort, die Häuser der Familien, die von unseren Spenden gebaut und wegen ihrer bunten Farben sofort zu erkennen waren. Gerne nahm ich die Einladung der Familien an, die Häuser auch von innen anzuschauen. Im unteren Stockwerk gibt es kleine Küchenzeilen, einen großen Tisch und so viele zusammenklappbare Stühle, wie es Familienmitglieder gibt. Daneben ein Toilettenraum. Auf den sind die Familien besonders stolz, da ihnen dieser Luxus bisher unbekannt war. In der zweiten Etage finden sich zwei kleine Schlafzimmer, in denen teilweise bis zu 10 Personen schlafen.

Trotz der großen Armut lächelten diese Mütter, Väter und Kinder. Sie waren glücklich, wieder ein Dach über dem Kopf zu haben und strahlten trotz der räumlichen Enge im neuen Heim voller Dankbarkeit. Jetzt ist es wichtig, dass sie ihre Chance nutzen und ihre Kinder regelmäßig zur Schule schicken. Auch hier hilft „Kinder in Not“ und finanziert Schulkleidung, Schulmaterial, das Fahrgeld zur Schule und das Pausenbrot. Denn eines ist sicher: Nur mit einer guten Schul- und Berufsausbildung haben die Mädchen und Jungen eine Chance, dem Armutskreislauf zu entrinnen.

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