Eine Chance für die Kids aus Rio de Janeiro

Rund 100 Mädchen und Jungen profitieren derzeit von den Betreuungs- und Bildungsmöglichkeiten, die ihnen die Kindertagesstätte „Bom Samaritano“ im Stadtteil Ipanema bietet.

Rio de Janeiro ist eine wunderschöne Stadt, umgeben von bezaubernden Stränden, imposanten Bergen und modernen Einkaufszentren. Aber ebenso wie der Zuckerhut gehören auch die „Favelas“ zum Stadtbild dieser Metropole. „Favela“ war ursprünglich die Bezeichnung eines Hügels in Rio de Janeiro, auf dem 1879 ehemalige Söldner eine illegale Hüttensiedlung errichteten. Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die Stadt für die mittellose Landbevölkerung immer attraktiver und es wuchs die Zahl derer, die ein notdürftiges Quartier in einer der inzwischen über 1000 „Favelas“ von Rio de Janeiro beziehen mussten. Geringe Schulbildung, hohe Arbeitslosigkeit und niedrige Einkommen kennzeichnen die Mehrheit der Favela- Bevölkerung. Oft reicht das spärliche Einkommen nicht einmal für die Grundnahrungsmittel Reis und schwarze Bohnen. Von Milch, Obst oder medizinischer Versorgung ganz zu schweigen.

In den Armutsgebieten leben die Familien in Baracken, oft ohne Strom und Wasser.

In den Armutsgebieten leben die Familien in Baracken, oft ohne Strom und Wasser.

In den Favelas leben die Familien meist in kleinen Unterkünften aus Holzbrettern oder unverputztem Ziegelmauerwerk. Die ein oder zwei Zimmer ihrer Behausung müssen Sie oft noch mit Verwandten teilen. Die Energie- und Wasserversorgung ist schlecht, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. Dazu kommt, dass die Favelas von Drogenbanden beherrscht werden und Gewalt und Schießereien zum Alltag gehören. Durch Alkohol und Drogen versuchen die Männer ihren harten Alltag zu vergessen. Gewalttätigkeit gegenüber ihren Frauen und Kindern sind an der Tagesordnung. Viele Frauen verdienen durch Prostitution etwas zum Lebensunterhalt dazu. Unter ihren schwierigen Lebensbedingungen fehlt es in den Familien oft an Orientierung und Kraft für eine liebevolle Kindererziehung.

Gemeinsam mehr erreichen

Hier setzt die Arbeit der 1979 von Pater Braun gegründeten Kindertagesstätte „Bom Samaritano“ an. Pater Braun hat es sich zur Aufgabe gemacht, das unbeschreibliche Kinderelend – soweit es möglich ist – zu mildern. Da sich die Unterhaltung seines Projektes schwierig gestaltete, bat er die Aktionsgruppe „Kinder in Not“ e.V. um dauerhafte Unterstützung. Die Tagesstätte befindet sich im Stadtteil Ipanema in unmittelbarer Nähe des Armenviertels Cantagalo.

Mit einer guten Vorschulausbildung steigt die Chance auf einen Schulabschluss.

Mit einer guten Vorschulausbildung steigt die Chance auf einen Schulabschluss.

Circa 100 Jungen und Mädchen im Alter von zwei bis sechs Jahren werden hier täglich von 8 bis 17 Uhr liebevoll betreut. Die Kleinsten besuchen die Kindergartengruppe, die Größeren werden in drei verschiedenen Vorschulgruppen auf die Grundschule vorbereitet. Die Kinder finden in der Tagesstätte wenigstens tagsüber Schutz vor der Gewalt und dem Terror der Drogenbanden und eine ordentliche Unterkunft. Sie erhalten, was ihnen zu Hause in den Elendshütten versagt bleibt: frisches Trinkwasser und vitaminreiche Mahlzeiten. Eine Kinderärztin führt regelmäßige Untersuchungen, Impfungen und Gewichtskontrollen durch. Eine Zahnärztin kümmert sich neben Karieskontrolle und Zahnbehandlung auch um die Unterweisung in täglicher Mundpflege.

Wie wichtig es ist, auch die Mütter aktiv in die Arbeit der Kindertagesstätte einzubeziehen, zeigt das Beispiel der Brüder Kauan und Miguel. Die beiden Jungen besuchen die Tagesstätte bereits seit drei Jahren. Anfang des Jahres wurden die Kinder immer ernster und in sich gekehrter. Schließlich erhielt Vilma, die Leiterin von Bom Samaritano, folgenden Brief der Mutter: „Ich schreibe diesen Brief, um meine Verzweiflung auszudrücken. Ich sehe keinen anderen Ausweg als aus dem Leben zu scheiden. Außer den beiden Jungen habe ich noch ein acht Monate altes Baby. Mein Mann wurde wegen Drogenhandels verurteilt und sitzt im Gefängnis. Als seine Frau bin ich gebrandmarkt und niemand will mich einstellen. Das Haus, in dem ich mit meinen Kindern lebe, ist nicht nur gesundheitsschädigend, sondern auch voller Ratten. Manchmal fehlt uns Essen, Wasser, Strom und Seife, um die Wäsche zu waschen.“

In der Tagestätte werden Juliana und Luane liebevoll betreut und finden Schutz und Sicherheit.

In der Tagestätte werden Juliana und Luane liebevoll betreut und finden Schutz und Sicherheit.

Vilma und Ihre Mitarbeiter waren entsetzt und besuchten die Familie sofort mit einem Lebensmittelpaket. Gemeinsam suchten sie nach Lösungen und sorgten dafür, dass zunächst einmal die dringendsten Rechnungen bezahlt wurden. Das Team ruhte nicht, bis die Mutter eine feste Anstellung gefunden hatte. Inzwischen ist auch eine psychologische Betreuung für die Mutter gefunden und Kauan und Miguel können wieder lachen.

Not lindern und Zukunft schenken

Gesundheitsvorsorge wird in Bom Samaritano ganz groß geschrieben.

Gesundheitsvorsorge wird in Bom Samaritano ganz groß geschrieben.

Welche Perspektive haben die Kinder in der Kindertagesstätte „Bom Samaritano“ heute? Den Kindern aus den Favelas fehlt meist jegliches Sozialverhalten und durch das gewaltgeprägte Umfeld sind viele traumatisiert. So kommt es, dass ein Großteil der Kinder bereits in den staatlichen Grundschulen scheitert. Wie die Zeitung O Globo in Brasilien am 29. Februar 2012 berichtete, haben 2010 von 171.000 eingeschriebenen Schülern rund 34.000 die Schule abgebrochen und eine Vielzahl musste die Klasse wiederholen. Es hat sich gezeigt, dass Kinder, die eine Vorschule besucht haben, sehr gut in der Grundschule zurechtkommen und weitaus seltener die Schule abbrechen. Dank der guten Arbeit von „Bom Samaritano“ und der Hilfe der Aktionsgruppe haben diese Kinder eine gute Chance auf eine Schulausbildung und damit auf ein eigenverantwortliches, besseres Leben.

Ohne die Unterstützung durch die Aktionsgruppe „Kinder in Not“ e.V. müsste die Kindertagesstätte „Bom Samaritano“ geschlossen werden. Was würde dann aus diesen Kindern werden?

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